Die künstlerische Entwicklung des Bildhauers Sebastian Wien ist seit einigen Jahren zunehmend geprägt durch eine intensive Auseinandersetzung mit den verschiedenen Ausdrucksmöglichkeiten und Oberflächenqualitäten seines bevorzugten Werkstoffs Stahl. Parallel zu seinen vielfältigen Materialexperimenten lässt sich in seinem Werk eine Abwendung von den bislang vorherrschenden figurativen Konzeptionen konstatieren, die figürliche Lesbarkeit oder Naturassoziationen nahe legten. Der Weg von den zahlreichen Torso-Figuren, Kriegern und Totems, über Skulpturen wie „Daphnes Schlaf“, 1996, und „Ein langer Weg“, 1997, zu den jüngsten, zumeist „Ohne Titel“ bezeichneten plastischen Arbeiten dokumentiert das wachsende Vertrauen des Künstlers in einen freien, ‚konkreten’ Umgang mit Formen und Material. Nicht mehr die Nachahmung existierender Formen der Natur bestimmt die künstlerische Arbeit, sondern die Erarbeitung eines eigenständigen Formvokabulars, das sich eher an der Prozesshaftigkeit der Natur orientiert, als deren Formen nachschaffen zu wollen.
Die experimentellen Papierarbeiten, mit denen sich Sebastian Wien seit 1999 beschäftigt, stellen in diesem Prozess der Ablösung von imitativen Formvorstellungen einen bedeutenden Werkabschnitt dar. Den Anfang bilden Zeichnungen in einer Art von Aquarell-Technik mit selbst angesetzten Rostfarben, die sich ganz dem materialen Ausdruck des oxydierenden Metalls verschreiben. Doch erst die Material-Abdrucke, mit dem Begriff der ‚Monotypie’ nur unvollständig charakterisiert, eröffnen dem freien künstlerischen Umgang mit den Formen der Natur und ihren Formungsprozessen neue Möglichkeiten. Die zweidimensionalen Arbeiten auf Papier und die dreidimensionalen plastischen Werke des Künstlers bilden über einen Zeitraum von mehreren Jahren sich wechselseitig inspirierende Experimentierfelder zur Entwicklung einer sehr persönlichen Formensprache.
Am Beginn der neuen Werkphase steht die zufällige Entdeckung der ästhetischen Qualitäten, die der Abdruck eines rostenden Blechs auf einem darauf liegen gebliebenen Papier hinterlassen hat. Die hierbei entstandenen Muster und Spuren, die den Korrosionsprozess des Metalls dokumentieren, erschließen dem Künstler ein weites Feld gestalterischer Möglichkeiten, um natürliche – chemische – Prozesse unter weitgehender Ausschaltung bewusster Eingriffe für seine künstlerischen Ziele zu nutzen. Als Ausgangsmaterial benutzt Sebastian Wien fabrikneues einfaches Baustahl-Blech, das geschliffen, entfettet und dann mit Wasser und Säure überzogen wird. Mit dem Auflegen des durchfeuchteten Papiers – zumeist ein Transparentpapier, wie es für technische Zeichnungen gebraucht wird – beginnt der Prozess der Oxydation des Metalls. Der niemals gleichmäßig verlaufende Trocknungsprozess während eines Zeitraums von wenigen Stunden bis zu einem Tag bewirkt nicht planbare Kontraktionen des aufliegenden Materials. Die eindringende Luft erschließt sich Wege zwischen Metall und Papier, die sich bis in die feinsten Verästelungen als Rostspur auf dem Metall und spiegelbildlich als schwächerer Abdruck im Papier nachvollziehen lassen. Wo das feuchte Papier länger haften bleibt, bilden sich dunkle Korrosionsabdrücke, wo die ungehinderte Sauerstoffzufuhr den Oxydationsprozess auf der Blechplatte beschleunigt, zeugen tiefere Rostspuren von diesem Prozess. Die Einflussmöglichkeiten des Künstlers sind begrenzt: Konzentration der aufgetragenen Säure oder Färbelösung, Pinselgestus beim Auftragen dieser Lösungen, Wahl des Metalls und Durchfeuchtungsgrad des Papiers, Raumtemperatur und vor allem die Dauer des Prozesses schlagen sich im Resultat des entstehenden Abdrucks nieder. Erfahrung durch vielfältige Experimente, nicht zuletzt auch das Verwerfen vieler nicht befriedigender Ergebnisse, ermöglichen dem Künstler gewisse Resultate wie z. B. die Tiefe der Durchrostung und die Tonigkeit des Abdrucks zu provozieren. Und doch bleibt jedes entstehende Werk ein nicht völlig zu kalkulierendes künstlerisches Abenteuer, über dessen Gelingen Sebastian Wien erst am Ende entscheiden kann.
Sebastian Wien präsentiert seine Wandarbeiten durchgängig zweiteilig: Metallplatte und Abdruck auf dem Papier bilden eine Einheit. Bedingungen, Prozess und aufeinander verweisende ästhetische Resultate werden jeweils als künstlerisches Ganzes gezeigt. Zufall, Prozesshaftigkeit und künstlerische Entscheidung in der Wahl des Ausschnitts und in der Zuordnung beider Teile des Prozesses zueinander werden bewusst gemacht. In der Serie der „Monoprints“ sind beide Teile auf einer gemeinsamen Grundplatte vereint, in den „Monotypien“ herrscht das Prinzip der Zeiteiligkeit, das variable Präsentationsformen erlaubt.
Neuere Arbeiten verwenden „vorgerostete“ Blechplatten, die bereits der Witterung ausgesetzt waren. Auch eine stärker gestische, vom Pinselduktus des Künstlers betonte Vorbereitung der Bleche mit dem Säure auftragenden Pinsel oder Schwamm ist in einigen Werken festzustellen: Die Palette der künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten hat sich verbreitert. Vielleicht ist Sebastian Wien mit diesen neuesten Arbeiten auf dem Weg zu einer neuen Synthese von Zufall und künstlerischer Ratio. Der Künstler nimmt sich in den beschriebenen Arbeiten zwar weitgehend zurück. Er initiiert Prozesse, Zufall und bewusste Steuerung halten sich eine sensible Balance. Materialität, Farbigkeit, Oberfläche und Prozessualität verschmelzen in diesen Werken unauflöslich miteinander. Natur und Kunst halten eine Zwiesprache, die in rein abbildend-imitativen Werken in dieser Intensität kaum erreichbar erscheinen. Doch der Künstler entscheidet die Bildausschnitte und das Zueinander von Druckplatte und Abdruck – er stellt die Zwiesprache der beiden Teile überhaupt erst her.
Eine neue Werkgruppe, die das Element der Farbe wieder in den Vordergrund stellt, nutzt die auch nur bedingt steuerbaren Wirkungen von Hitze und Funkenflug beim Schweißen von Metall. Metallplatten, mit stark pigmentiertem Klarlack monochrom überstrichen, werden dabei mit einem Schutzgas-Schweißapparat bearbeitet. An den entstehenden Schweißnähten bleiben Brandspuren durch die Hitze und durch glühende Partikel zurück, die nun als Flecken einen für das normale Auge unsichtbaren Prozess sichtbar werden lassen. Künstlerischer Gestaltungswille und zufälliger Naturprozess treten in einen spannenden Dialog, der zum Teil hochästhetische Ergebnisse hervor bringt. In gewisser Weise lassen die Feuerbilder an die automatischen Bildverfahren der Surrealisten denken, an Wolfgang Paalens „Fumage“-Technik, beispielsweise oder auch an die Feuergouachen des Zero-Künstlers Otto Piene. Wie letzterer sucht Sebastian Wien nach einer Ausdrucksform zur Visualisierung der Schönheit vom Menschen nicht völlig beherrschbarer Abläufe in der Natur. Die Natur wird dabei nicht als etwas Fertiges, Abgeschlossenes verstanden, sondern als ein unablässiger Formungs- und Entstehungsprozess, in welchen auch der Mensch selbst als Teil einbezogen ist.
Sebastian Wiens Werke legen dem Betrachter daher eher ein meditatives Sich-Einlassen nahe, denn ein kategoriales Einordnen und rationales Erkennen.
Sepp Hiekisch-Picard
Stellv. Direktor Museum Bochum