Bereits gegen Ende der 80er Jahre entstanden die ersten Stahlarbeiten von Sebastian Wien. Zunächst fertigte der Bildhauer Assemblagen aus Rohrsegmenten und Blechen, die mit mehreren Farbschichten überzogen wurden. Die farbliche Grundierung wurde dann mit Hilfe von Feuer und in einem handwerklichen Prozess aufgebrochen, um die bildhafte Wirkung wieder auf den skulpturalen Körper zurück zu führen. Im Zeitraum von 1992 bis 1995 schuf Sebastian Wien aus biegsamen Drähten und gewölbten Elementen eine Reihe filigraner Figuren, die, gleichsam modelliert, die Schwere und Dichte des Materials in tänzerischen, fast schwebenden Bewegungen überwunden zu haben schienen. Während hier ein narrativer Bezug spürbar bleibt und sich anthropomorphe oder organische Bilder assoziativ erschließen, zielt der Künstler in der aktuellen Werkgruppe auf Reduktion und Klärung seiner Formensprache.
Das beherrschende Thema von Sebastian Wien bleibt die Transformation, die Umformung und Verwandlung einer gegebenen Gestalt. Ausgangsmaterial sind industriell vorgefertigte Stahl-Kesselböden. Es handelt sich um Elemente, die ursprünglich zur Herstellung geschlossener Behältnisse, folglich zur Aufbewahrung von Rohstoffen und ähnlichen Substanzen bestimmt sind. Diesem Funktions-zusammenhang werden sie – als „ready mades“ - entrückt, so dass sie sich in neue formale und inhaltliche Konstellationen einbringen lassen.
Zunächst werden die Stahlplatten unter hohem Druck gewölbt, um somit in einem ersten Schritt die Fläche auf eine räumliche Vorstellung auszurichten. Aus diesen bauchigen Grundformen werden dann Segmente herausgeschnitten. In der Auswahl und Gestaltung dieser Kompartimente vollzieht der Künstler eine erste bewusste Differenzierung und zeichnet damit die nächsten Arbeitsschritte vor. Der Teilform wird im Folgenden ein ihr spiegelbildlich entsprechender Ausschnitt zur Seite gestellt. Durch die Wiederholung und serielle Fertigung bestimmter formaler Gebilde schafft Sebastian Wien die Voraussetzung für weitere Verknüpfungen. Die Segmente werden nach einem präzis kalkulierten Plan punktuell verschweißt und zu neuen plastischen Objekten verbunden. Es entstehen allerdings keine starren Konstruktionen, sondern dynamische Strukturen, die vielschichtige Gestaltbildungen prozesshaft zur Anschauung bringen. Die körperhaft anschwellenden Platten sind so zusammengefügt, dass sie zwar ein Volumen als Hohlraum ausgrenzen, doch gleichzeitig vom Umraum durchdrungen und in dessen Kontinuum eingebunden bleiben. Im Wechsel der Ansichten wölben sich lineare und flächenhafte Ordnungen auf, um sich körperhaft im Raum zu behaupten. Es bleibt die Spannung zwischen den einzelnen Teilstücken. Binnen- und Außenformen bewegen sich in einer Austauschbeziehung aufeinander zu und gleichzeitig voneinander weg, scheinen miteinander zu verschmelzen, um sich dann wieder zu lösen und klar differenziert voneinander abzuheben. Die offenen Gebilde nähern sich bestimmten stereometrischen Körpern an, ohne diese Entwicklung zu einem Abschluss zu bringen. In ihrer formalen Verknüpfung sind die Segmente auf stereometrische Vorstellungen, etwa einer Ei- oder Kugelgestalt, eines Kubus oder eines Tetraeders, ausgerichtet. In manchen Fällen scheint sich auch ein Gebrauchsgegenstand aus dem alltäglichen Leben abzubilden, etwa ein Kissen, ein Kranz, ein vasenähnliches Gefäß oder ein Segel. Doch die praktische Ausführung hält grundsätzlich inne, bevor es zur vollständigen Ausbildung dieser Gestalt kommen kann. Einblicke, Aufbrüche, Spalten oder Verschiebungen verdeutlichen die Spannung zwischen Idee und Wirklichkeit, zwischen einem konkret gefassten und einem abstrahierenden plastischen Entwurf. Der Betrachter schwankt zwischen dem Streben, den Weg weiterzuführen, die Form zur Vollendung zu bringen und damit die Identität von Konzept und Umsetzung für sich zu vollziehen, und andererseits dem Bedürfnis, die durch den künstlerischen Eingriff geschaffene Dynamik für sich zu bewahren und die empfundene Differenz in der eigenen Anschauung permanent neu zu verkürzen, doch niemals ganz zu überbrücken. Die Nicht-Identität von vorgestellter und gegebener Gestalt gerät zum Impuls, perspektivisch eine Vielzahl anderer formaler Lösungen zu ersinnen und sich selbst produktiv in den Gestaltbildungsprozess einzubinden.
In einem weiteren Arbeitsschritt wird der Stahl von der Walzhaut befreit und geschliffen, wobei die einzelnen Phasen dieser Bearbeitung sich in Spuren dem Material einzeichnen. Farbigkeit entsteht in dieser Werkgruppe ausschließlich durch das Material, dessen Eigenschaften und die gezielt angewandten technischen Verfahren. Durch Säuren und Wasser oxidiert das Metall. Die glänzende, metallene Beschaffenheit des Materials bricht auf. Je nach Intensität und Dauer der Einwirkung der Flüssigkeiten entstehen warme, rotbraune Nuancen. Im Wechselspiel zufällig sich ergebender und gesteuerter Reaktionsweisen erfährt jedes Objekt eine individuelle Behandlung. Glatte, kühl wirkende stehen neben aufgerauten, warm anmutenden Fakturen, die auch jeweils verschiedene taktile Empfindungen provozieren. Der umgebende Raum und dessen Atmosphäre werden durch Licht absorbierende oder reflektierende Oberflächen je unterschiedlich aufgenommen.
Der dritte Arbeitschritt bringt ein zeichnerisches Element in die Gestaltung ein. Bereits Kratzspuren in der Textur der Oberflächen werden als lineare Zeichensetzungen wahrnehmbar. In einigen der Objekte vertiefen sich diese Markierungen zu Einfräsungen, die deren Geschlossenheit weiter aufbrechen lassen und neue formale wie auch inhaltliche Bezüge eröffnen. Während die Ritzungen in ihrem unregelmäßigen Verlauf die Bearbeitung durch den Künstler und die sich ihm entgegen stellende Widerständigkeit des Materials vergegenwärtigen, zeigen die Riefen und Kanäle horizontale oder vertikale, also klar gerichtete Linienverläufe an. Als Einschnitte bringen sie eindeutige Richtungsimpulse ein und akzentuieren das dialogische Verhältnis von Körper und Raum. Wechselwirkungen von Licht und Schatten, Tiefe und Flächigkeit verstärken den haptischen Oberflächenreiz. Die Einkerbungen des glatt bearbeiteten Randes überbrücken zudem die Leerstellen zwischen den versetzt gegeneinander gestellten Teilkörpern, um so deren Verschmelzung imaginär zu befördern, gleichzeitig aber auch den Spannungsraum zwischen den Kompartimenten energetisch aufzuladen.
Der Grundgedanke der Transformation vermittelt sich in den Stahlobjekten von Sebastian Wien auf unterschiedlichen Ebenen. Zunächst bezieht sich dies auf die schrittweise Bearbeitung des Materials vom technisch vorgefertigten, funktional eindeutig festgelegten Produkt, dessen Segmente zu einer vielschichtigen formalen Struktur verbunden werden. Die Phasen dieser allmählichen Veränderung bestimmen auch die äußere Erscheinung des Objekts, das dann wiederum in der Rezeption eine Vielzahl unterschiedlicher Anschauungsweisen bedingt. Die dynamische Wechselwirkung von Raum, Objekt und Betrachter verdeutlicht, dass einfache und komplexe Strukturen ineinander vermittelt sind. Sebastian Wien schafft durch seine plastische Arbeit eine Realität, die auf sich selbst bezogen ist, doch Aufschluss gibt über allgemeingültige Wirklichkeiten. Auf einer erweiterten Ebene der Betrachtung lassen sich seine Gestaltungen metaphorisch in andere Lebenswirklichkeiten übertragen. So denken wir etwa im übergeordneten Verständnis an Momente der Veränderung und des Eintritts in neue Lebensphasen, an Geburt, Tod und Wiedergeburt. Auflösung und Zerfall schaffen überhaupt erst Raum für neue Formbildungen und Wertschöpfungen. In der Trennung und Verbindung, Verschmelzung und Abgrenzung der Segmente geraten seine Plastiken zu Gleichnissen für existenzielle Gefährdung, sie schärfen die Empfindung für Stille und Zeit und führen letztendlich zur Konzentration des Betrachters auf sich selbst. Sebastian Wien schafft Strukturen, die Schicht um Schicht auch zeitliche Dimensionen in sich bergen. In wechselnden Perspektiven offenbart sich Geschichtliches; ebenso wird aber noch nicht Gewesenes, perspektivisch Mögliches, eben Zukünftiges zur Anschauung gebracht.
Dr. Christoph Kivelitz
Künstlerischer Leiter Dortmunder Kunstverein